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Es gibt ein Prinzip, das ein Hindernis zu allen Informationen darstellt, alle Argumente widerlegt und sein Ziel, den Menschen in immerwährender Unwissenheit zu halten, immer erreicht. Dieses Prinzip heißt Verachtung, die vor der Erforschung kommt. - Herbert Spencer, Britischer Philosoph des 19. Jahrhunderts

Kapitel 1 - Warum entlieben wir uns?

Haben Sie sich jemals in jemanden verliebt, der sich auch in Sie verliebt hat? Was für eine Erfahrung! Plötzlich fängt alles an, einen Sinn zu ergeben. Wir sind voller Energie und inspirierter Gedanken. Wir sehen alles durch eine rosa Brille und können ganz deutlich die Flügel und den Heiligenschein unseres oder unserer Geliebten sehen. Doch sobald die Dinge wieder ihren normalen Lauf nehmen, schauen wir auf diese kurze Phase höherer Wahrnehmung als Flitterwochen zurück und betrachten sie als eine Art ... Täuschung.

Es ist jedoch keine Täuschung. Sondern es passiert etwas sehr Reales. Zwischen den Herzen der Verliebten strömt ein Energiekreislauf, der uns tatsächlich mehr Kraft verleiht, unsere Wahrnehmung erweitert und unsere Körperchemie entscheidend verbessert. Wenn die Menschheit lernt, dieser Energiespirale bis ganz nach oben zu folgen, gelangen wir an die tiefste Quelle unseres Seins. Gemäss verschiedener spiritueller Traditionen der ganzen Welt ist dieser fließende Kreislauf zwischen Liebenden nichts geringeres als der Weg zur Erleuchtung.

Bisher jedoch kommen die meisten von uns nicht einmal in die Nähe der Dachterrasse. Stattdessen steigen wir bereits etwa im dritten Stock aus und begeben uns auf den gewohnten Abstieg ins vertraute Erdgeschoss ... sehr oft gefolgt von einem Sturzflug in den Keller. Das passiert, weil der körperliche Teil unseres Seins von einem biologischen "Autopiloten" gesteuert wird und wir angenommen haben, sein Wille sei der unsere.

Mein Lernprozess über heilende Beziehungen begann genau mit einem solchen Absturz. Meine Schwester war es leid, die ständigen Katastrophen in meinem Liebesleben mit anzusehen und schenkte mir 1986 ein Buch etwa mit dem Titel: Wie heirate ich meinen Traummann. Dort las ich den dringenden Rat, eine Liste mit einer genauen Beschreibung meines Idealpartners zu erstellen. Und das tat ich.

Natürlich erschien er auch innerhalb des nächsten Jahres. Nicht nur das, einige Monate bevor Russ und ich uns trafen, hatte eine medial begabte Frau ihm auf einer Party vorausgesagt, dass er mich an einem bestimmten Tag treffen würde. Sie teilte ihm mein Alter mit, meinen Beruf, mein Sternzeichen und mehrere andere überraschend zutreffende Fakten. Wir begegneten uns auf einer Konferenz in New York City zwei Tage vor dem vorausgesagten Datum. Es fühlte sich an wie eine Fügung des Himmels. Jedoch kurz nachdem konventioneller Sex ins Spiel kam, zerbrach die Beziehung. Und jedes Mal, wenn wir es wieder versuchten, geschah dasselbe.

Es war qualvoll zu beobachten, wie eine Beziehung mit jemandem, mit dem ich eine so tiefe und schicksalhafte Verbindung erfahren hatte, zerbrach, trotz aller Bemühungen sie zu retten. Ich bat meine innere Führung um eine Erklärung, und noch in der gleichen Woche hielt ich mein erstes Buch über taoistische Sexualität in den Händen. Dieses Buch erklärte, dass eine andere Art von Ekstase zwischen intimen Partnern möglich ist, und im Moment, als ich das las, wusste ich, dass es genau das war, was ich immer schon in meinen Beziehungen gesucht hatte.

Der Tal-Orgasmus (im Unterschied zum normalen "Gipfel"-Orgasmus) geschieht spontan in einem tiefen Zustand der Entspannung und ist eine sehr starke Erfahrung, die ich in jeder Zelle, in jedem kleinsten Teil meines Seins als ein überwältigendes ekstatisches Verschmelzen empfinde. Das Gefühl der Verbundenheit mit meinem Partner ist sehr tief. Mein ganzes Sein zerfliesst mit seinem und seins mit meinem als ein Fluss, der keine Grenzen kennt... Ich empfinde tiefe Ehrfurcht vor der enormen Kraft in Mann und Frau. Wir sind alle näher daran, Götter und Göttinnen zu sein, als wir denken... Es ist ein Gefühl von Zeitlosigkeit, vom Sein in der Ewigkeit und von unendlicher Energie.

Der Haken dabei war, dass man den konventionellen Orgasmus aufgeben musste, um diese Tal-Ekstase zu finden. Russ jedoch war sehr konservativ und hatte kein Interesse an etwas, das er als unkonventionellen Sex betrachtete. Kurz danach ging ich nach Europa. Wieder einmal Pech gehabt.

Faszination Orgasmusvermeidung

Jahre vergingen, und kein Weiser aus dem Osten begegnete mir, um mich in mystischer Verschmelzung zu unterweisen. Da ich entschlossen war, es zu lernen, hielt ich mich an eines meiner inspirierenden Lieblingssprichwörter:

Habe keine Angst, etwas Neues auszuprobieren, denn schließlich haben Amateure die Arche gebaut und Profis die Titanic.

Ich folgerte daraus, dass ich mir überlegen musste, wie ich einen anderen Neuling überzeugen konnte, dieses Mysterium mit mir zu erkunden. Schnell entdeckte ich, dass es - selbst mit viel gutem Willen - nicht einfach ist, die vertrauten sexuellen Gewohnheiten hinter sich zu lassen. Doch es ist möglich, und der Weg dahin macht sogar Spaß. Mit ausreichend Selbstmotivation und klaren Anleitungen (im zweiten Teil dieses Buches) werden Sie davor bewahrt, so durch die Gegend zu stolpern, wie ich es tat.

Hier ist die Geschichte von meinem ersten Versuch, den Code zu knacken: Ich begegnete Alex in einem Kurs in einer spirituellen Gemeinschaft in Schottland. Ein zutiefst spiritueller Mann, der eine Auszeit von seiner psychologischen Praxis nahm, um von Kanada aus um die Welt zu reisen und verschiedene spirituelle Orte zu besuchen. Nach dem Seminar kehrten wir an meinen damaligen Wohnort in Europa zurück. Nach langen Diskussionen entschlossen wir uns, eine Annäherung an Sexualität ohne Orgasmus zu versuchen.

Ich besaß damals ein Buch von einem männlichen Autor mit vielen Tipps, wie Männer den Ejakulationsdrang überwinden können. Er empfahl, die Muskeln um die Prostata anzuspannen, die Zähne zusammenzubeissen, die Atemzüge zu zählen und verschiedene andere Unterdrückungstechniken - alle nicht halb so effektiv, wie ich später herausfand, wie eine stufenweise, viel entspanntere Herangehensweise an sexuelle Intimität.

Auf jeden Fall bestand Alex darauf, dass er keine Anweisungen brauche. Doch als wir uns dann liebten, war es wie immer, d. h. er ejakulierte. Und während der nächsten paar Tage geschah genau das Gleiche, obwohl er wirklich versucht hatte, es zu vermeiden. Ich schlug immer wieder vor, dass er doch das Buch lesen solle, aber er wurde immer gereizter. Als ich darauf hinwies, dass laut dem Buch seine Gereiztheit das Resultat häufiger Orgasmen sein könnte, rastete er total aus.

"Du bist verrückt, wenn du mir erzählen willst, dass die Ejakulation einen negativen Einfluss auf Männer hat!" bellte er mich an. "Ich bin Psychologe. Wenn das der Fall wäre, müsste ich es wissen. Wenn du weiter so ein Zeug redest, landest du in der Psychiatrie ... da kannst du es deinem Arzt erklären!"

Ich sah ein, dass weiteres Argumentieren die Sache nur noch verschlimmern würde, und ich dachte, wie schön es wäre, wenn er einfach gehen und in den nächsten Zug steigen würde! Ich übte mich in eisigem Schweigen.

Schließlich explodierte er: "Ich sehe, dass du offenbar kein Wort mehr mit mir sprichst, bis ich dieses Buch gelesen habe!"

"Das stimmt, Alex", gab ich zu.

"Okay, was muss ich also lesen?"

Ich zeigte ihm die vier oder fünf Seiten, auf denen die oben erwähnten Techniken erklärt wurden, wie Männer den Orgasmus vermeiden können.

Er überflog die Erklärungen flüchtig und sagte dann: "Also gut, probieren wir?s."

An diesem Punkt war ich bereit, die ganze Idee einfach aufzugeben. Diese ziemlich unritterliche Einladung glich keiner meiner Vorstellungen einer heiligen sexuellen Begegnung. Doch ich sehnte mich danach, endlich herauszufinden, ob diese Ideen überhaupt einen Sinn ergaben.

Wir liebten uns wie im Buch erklärt. Er presste und drückte und zählte und beendete unser Beisammensein ohne Ejakulation. Dann überraschte er mich wirklich, als er sagte: "Ich kann es zwar kaum glauben, aber ich fühle mich nicht unerfüllt. Ich habe keine... äh... blauen Eier. Danke, dass du mir das gezeigt hast!". Doch so erstaunlich sein neugewonnener Enthusiasmus bereits war, es folgte noch eine viel größere Überraschung. Während der nächsten 24 Stunden war er ein anderer Mann. Seine Wut verschwand, und sein Herz öffnete sich. Wo er mir vorher versichert hatte, er brauche keine Partnerin, weil er auf einem spirituellen Weg wäre, öffnete er sich jetzt und sprach darüber, wie sehr er sich doch eine Partnerin wünschte und wie verwirrt er über seine Unfähigkeit sei, in einer Beziehung zu bleiben.

Die größte Veränderung jedoch war, dass er mich plötzlich in einem völlig anderen Licht sah. Er wollte mich nicht mehr in die Psychiatrie einliefern lassen, sondern sagte: "Du bist so spirituell und großzügig. Gott muss ganz schön stolz auf dich sein, dass du dich von so viel Widerstand nicht hast abschrecken lassen." Auch ich fühlte mich wie verwandelt. Mein Herz öffnete sich voller Dankbarkeit, und ich konnte seine engelsgleichen Qualitäten ganz klar sehen. Ich erinnere mich noch, wie ich dachte: "Lieber Gott, danke, dass du mir die wahre Schönheit dieses Mannes gezeigt hast."

Ich schwor, dass ich gerade meine letzte sinnlose Verschmelzung mit einem Liebhaber hinter mir hatte. Ich konnte das Potential für gegenseitige Bewunderung und befriedigende Intimität in der neuen Herangehensweise fühlen und war noch entschlossener als vorher, diese unkonventionelle Annäherung an das Thema Sexualität zu meistern. Jetzt war ich erst recht motiviert.

Sag mir, dass es nicht wahr ist

Wie das Leben es wollte, hatte ich dann aber doch noch weitere sinnlose Versuche vor mir, weil einige der wichtigsten Anhaltspunkte zur Umgehung der Biologie in den Handbüchern zu heiliger Sexualität fehlten, die ich nun verschlang. Statt aufregender Durchbrüche waren die Ergebnisse meiner Bemühungen wechselhaft. Guter Wille und hohe Ansprüche allein reichten eben nicht aus. Wann immer ich in alte Gewohnheiten zurückfiel, ging das alte Lied von vorne los. So schwer es auch für mich zu akzeptieren war: Der Orgasmus selbst schien das Problem zu sein. Als ich schließlich wirklich bereit war, diese unglaubliche Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen, fand ich reichlich Beweise für einen schmerzhaften Haken, der sich im Köder der sexuellen Anziehungskraft verbirgt. Er ist der Grund dafür, dass Partner sich auseinander leben.

Im Film Harry und Sally sagt Billy Crystal, dass er dreissig Sekunden nach dem Sexualakt am liebsten aufstehen und weggehen möchte. Als ich einen meiner Partner danach fragte, sagte er: "Ja. Ich nehme an, dass es den meisten Männern so geht. Bumm, das war?s. Danke ... und nichts wie weg hier." Denn leider lässt dieser unbewusste Fluchtinstinkt den Partner nach dem Sex völlig anders aussehen als vorher, selbst wenn wir nicht flüchten.
Ein Freund beschrieb mir mal seinen ersten Verkehr. "Ich hätte am liebsten geweint," sagte er mir, "weil sie so schön war und ich sie so sehr begehrte. Aber ich war ein bisschen enttäuscht, als ich ihren Körper hinterher sah und ihre Schönheit mich nicht mehr so entflammte wie vorher, als ich sie im Nebel der Leidenschaft sah."

Seltsame Dinge geschehen in unserer Wahrnehmung von einander, nachdem das Hoch des Orgasmus abflaut. Ich betrachte diese Veränderung wie einen Kater ? eine vorübergehende Phase subtiler Unbehaglichkeit nach heissem Sex. Normalerweise projizieren wir dies auf unseren Partner oder die Welt um uns herum und bilden uns ein, dass er, sie oder Umstände, auf die wir keinen Einfluss haben, dieses Unbehagen auslöst. Hier ein Zitat aus D.H. Lawrence?s Essay "Pornographie und Obszönität":

Die Erfahrung lehrt, dass normale Menschen eine angewiderte Haltung gegenüber Sex einnehmen, den abstoßenden Wunsch, ihn zu verunglimpfen. Wenn solche Männer mit einer Frau schlafen, fühlen sie instinktiv, dass sie sie erniedrigt haben und dass sie jetzt niedriger, billiger und verachtenswerter ist als vorher.

Sie denken jetzt wahrscheinlich, dass solche Typen einen echten Mutterkomplex haben. Wie auch immer, ich vermute, dass der Kater danach der Grund ist, dass die Menschheit überhaupt eine so sonderbare Haltung gegenüber Sex einnehmen kann. Wenn es so schlimm um uns bestellt ist, dass wir nach dem Sex flüchten müssen, ist es kein Wunder, dass wir uns vom anderen Geschlecht abgestoßen fühlen, oder glauben, dass Gott uns dafür bestraft, dass wir uns auf Sex überhaupt eingelassen haben, oder dass es eine gute Idee ist, Mädchen an ihren Genitalien zu verstümmeln, wie das in einigen Teilen Afrikas geschieht. Selbst wenn wir uns nach dem Sex nicht schuldig fühlen, so verändert sich doch Wahrnehmung von uns selbst und anderen in eine negativ gefärbte. Wie sagte noch Hugh Grant, kurz nachdem er 1995 mit Divine Brown erwischt wurde?

Ich gebe ein Scheiß auf die Moral... Es war mir gleich. Jeder ist ein Drecksschwein.

Hier ist noch ein Beispiel für den Drang eines Mannes, nach dem Sex zu fliehen, diesmal aus John Lee?s The Flying Boy:

Es kam nicht darauf an, wer die Frau war. Sobald wir uns körperlich geliebt hatten, war ich auch schon wieder auf und davon. Es war in diesem Moment, dass ich immer wieder an ein Tabu stieß ? vielleicht meine Mutter, vielleicht mein Schmerz ? und ich musste einfach weg ... Ich machte mir Sorgen und wartete auf den besten Moment, um abzuhauen. Wenn ich nicht floh, dann vertrieb ich sie. Jedenfalls wusste ich, dass ich nicht mit ihr zusammen bleiben konnte.

Hier noch ein weiteres dramatisches Beispiel tiefer sexuell motivierter Angst vom Vater der modernen Psychiatrie, Sigmund Freud:

Wahrscheinlich wird es keinem Mann erspart bleiben, beim Anblick weiblicher Genitalien Kastrationsangst zu empfinden.

Offensichtlich ist Sexualität mit irrationalen Gefühlen verbunden, die stark genug sind, die Liebenden zu trennen. Ein taoistischer Meister erklärt:

Schliesslich kann ein Mann Gefühle von Gleichgültigkeit oder Hass für seine Sexualpartnerin entwickeln, weil er unterbewusst merkt, dass er die höheren Energien, die ihn wahrhaftig glücklich machen könnten, verliert [wenn er mit ihr Sex hat].

Wer TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) studiert, wird mit der Idee vertraut sein, dass der Orgasmus negative Konsequenzen hat. Aber selten denken wir daran, dass es ein psychologisches und emotionales Thema ist. Es wird Zeit, dass wir das tun.

Unterbewusstes Unwohlsein kann also nicht nur Beziehungsdramen erklären, weil wir ja nicht immer unser Unwohlsein auf andere projizieren. Lesen wir einmal die Worte des Psychologen Herb Goldberg in What Men Really Want (Was Männer wirklich wollen):

Ihr Verteidigungsdrang erzeugt in Männern einen tiefen Mangel an Vertrauen und lässt sie die Welt als einen Ort erfahren, an dem es nie genug Kraft, Kontrolle, Sicherheit oder Unabhängigkeit gibt.

Im Gegensatz zu Freud und Goldberg akzeptiere ich nicht länger, dass diese defensiven Glaubenssätze angeborene Anteile der männlichen Natur sind. Und dennoch müssen sie ja durch etwas Universelles ausgelöst werden. Je mehr ich lerne, desto mehr ahne ich, dass das Gefühl von Mangel, das die menschliche Erfahrung durchzieht, seinen Ursprung in einer veränderten Wahrnehmung hat, die mit Sex zusammen hängt. Das hat enorme Konsequenzen. Als mir dieses Licht aufging, fühlte ich mich, als ob ich gerade einen Elefanten in meinem Wohnzimmer entdeckt hätte, der schon die ganze Zeit da gewesen war, der mein Vorwärtskommen blockiert hatte und gedankenlos auf meinen Beziehungen herum getrampelt war.

Der Kater danach

Endlich konnte ich akzeptieren, dass die veränderte Wahrnehmung meines Partners von mir, wie ich schon oft geahnt hatte, keine direkte Folge meiner oder seiner Probleme war. Es geschah wirklich. Aber ? und da ist der wichtigste Punkt in diesem Buch ? die veränderte Wahrnehmung war ebenso ungewollt wie vermeidbar. Das heisst, die Partner waren nicht fähig, die veränderte Wahrnehmung zu vermeiden, ohne die darunter liegenden Ursache anzugehen.

Ich las meine Texte über heilige Sexualität nochmals. Da stand es Schwarz auf Weiss: Geschlechtsverkehr ist vorteilhaft, aber der Orgasmus bringt eine Menge Probleme mit sich. Die Symptome erstrecken sich von einem Gefühl des Ausgelaugtseins und Gereiztheit über Energieschwankungen und gesundheitliche Probleme bis zum wichtigsten Symptom, einem wachsenden Widerwillen dem eigenen Sexualpartner gegenüber.

Die Welt ist voll von offensichtlichen Dingen, die niemand jemals beachtet. - Sir Arthur Conan Doyle

Die alten Lehren machten den Samenerguss für diese Probleme verantwortlich, und in den meisten Texten steht, dass nur Männer unter diesen negativen Auswirkungen leiden. Diese Erklärung erwies sich als zu einfach. Ich lernte gerade, dass dieser nach-orgasmische Stress auch Frauen betraf, indem er ihre Wahrnehmung von ihrem Partner dramatisch zum Schlechten hin verändert ? obwohl es oft länger dauerte als bei den Männern. Der Samenerguss selbst ist tatsächlich praktisch unbedeutend.

Im allgemeinen sind sich die Leute über diesen Kater nicht im Klaren. Die Natur hat uns so sehr auf die Neurochemie, die den orgasmischen Sex begleitet, programmiert, dass wir nur seine überwältigenden Kurzzeiteffekte bemerken. Aber haben Sie sich jemals mit totaler Selbstaufgabe verliebt, wunderbaren Sex genossen und waren sich total sicher, dass Sie beide für immer zusammen bleiben wollen... und dann hat sich eine eigenartige emotionale Trennung zwischen Ihnen und Ihrem Liebhaber entwickelt? Wie oft schon haben wir den Partner gewechselt wegen dieses Gefühls der Entfremdung und geglaubt, wir würden nicht zusammen passen. Dabei sind wir Opfer von umherschwirrenden neurochemischen Wirkstoffen. Das heißt, solange diese chemischen Wirkstoff der ersten sexuellen Anziehung in uns wirken, sieht unser Partner einfach unwiderstehlich aus. Aber das anschließende Feuer der Leidenschaft bewirkt Veränderungen in der Zusammensetzung unserer Hirnchemie, die früher oder später unsere Wahrnehmung von einander verschlechtern.

Die warme Glut der Liebe, die vorher unsere Welt auf mysteriöse Art erhellt hat, erlischt und hinterlässt Disharmonie oder Stagnation. Wie bei einem echten Kater nach einer durchzechten Nacht umwölken diese Veränderungen unsere Ansichten über das Leben und sogar unsere spirituelle Wahrnehmung. Diese radikale Verschiebung unserer Wahrnehmung ist möglicherweise der Grund, warum ein tantrischer Text den Orgasmus bezeichnet als "den inneren Buddha töten" .

Wenn ein Mann mitten im Wald steht und etwas sagt und keine Frau dabei ist... hat er dann immer noch Unrecht?

Wie in der Einleitung erklärt, aktiviert Sex den Belohnungsmechanismus in unserem limbischen System, also dem primitiven Teil unseres Gehirns, um uns zur Fortpflanzung zu ermuntern. Es ist der gleiche Mechanismus wie beim Gebrauch von Alkohol, Nikotin und vielen anderen Drogen. Er ist sehr leicht in Gang zu bringen, doch ist dieser Bereich des Gehirns nicht dafür geschaffen, eine ständige Überstimulation zu ertragen. Wie ich später noch im Detail erklären werde, bringt eine übermäßige Stimulation das Belohnungszentrum sogar dazu, auf die Bremse zu treten. Für manche fühlt sich dieser Prozess wie eine Unruhe an, wie Gier nach etwas, wie ein Gefühl von Leere oder Reizbarkeit. Andere wollen einfach nur weg. Wieder andere haben den verzweifelten Drang danach, ihren Partner zu verändern, damit er unsere überhöhten Ansprüche erfüllt.

Die emotionalen Auswirkungen des Katers nach dem Orgasmus dauern unglücklicherweise viel länger an als zum Beispiel die Auswirkungen eines Katers nach Alkoholkonsum. Meiner Erfahrung nach kann die verzerrte Wahrnehmung nach einem Orgasmus bis zu zwei Wochen anhalten. Und meist verschlimmert sich das auch noch radikal kurz vor Ende dieser Phase.

Diese lange Erholungsphase ist vielleicht auch der Grund, warum das orthodoxe Judentum zu jeweils zwei Wochen sexueller Abstinenz in jedem Monat rät. Dies gibt den Partnern die Gelegenheit, ihr inneres Gleichgewicht vor dem nächsten Zyklus wieder herzustellen. Diejenigen von uns, die das nicht so handhaben, haben jedoch kaum eine Chance, diesen Kater mit dem eigenen Sexualleben in Verbindung zu bringen, weil wir unsere sexuellen Aktivitäten selten lange genug ruhen lassen, um einen ganzen Zyklus bewusst zu erfahren. Und wenn wir einmal auf den Sex verzichten, dann haben wir normalerweise mit dem Schmerz der emotionalen Isolation zu kämpfen.

Graphik mit Erläuterungen auf Seite 21 muss noch gestaltet und übersetzt werden

Viele von uns haben sexuelle Partnerschaften schon als extreme Achterbahnfahrten erlebt, bis die Stagnation einsetzt oder es zur brutalen Trennung kommt. Ich bin fest davon überzeugt, dass dies geschieht, weil diese uns unbekannten Zyklen am Werk an sind, die einander überschneiden. Wenn die Partner am Tiefpunkt ankommen, projiziert jeder von beiden sein Unbehagen auf den anderen. Er sieht dann in ihren Augen unglaublich selbstgenügsam, unsensibel und selbstsüchtig aus, während sie in seinen Augen wie eine fürchterlich bedürftige, unersättliche und fordernde Frau wirkt.

Diese Rollen sind nicht unbedingt geschlechtsspezifisch genau so verteilt, die Disharmonie kann auch ganz andere Formen annehmen. Wenn beide sich gleichzeitig zurückziehen, dann sprechen wir von einem One-Night-Stand. Und wenn beide bedürftig werden, dann nennen wir es Co-Abhängigkeit.

Faustregel für die Frau: Alles, was Räder oder Hoden hat, macht dir früher oder später Ärger.

Im Allgemeinen ist es jedoch meist so, dass einer der beiden Liebenden sich zurück zieht, während der andere verzweifelt versucht, die drohende Trennung zu verhindern, indem er oder sie sich manipulativ oder über alle Maßen kontrollierend verhält oder dem anderen Schuldgefühle vermittelt. Vorsicht tritt an die Stelle des offenherzigen Vertrauens, das anfangs zwischen beiden floss. Typischerweise wird einer extrem Yin und sorgt für ein ungesundes Ziehen in der Partnerschaft, während der andere extrem Yang wird und den Partner zurückweist.

Graphik mit Erläuterungen auf Seite 22 muss noch gestaltet und übersetzt werden

Während dieser Katerphase sagt uns unser untrügliches Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist. Und so ist es auch. Leider ist das Syndrom weit verbreitet. Deswegen können wir uns dann bald wieder davon überzeugen, dass dieser ganze Stress "eben das Leben" ist oder dass man es schon irgendwie richten kann, sei es, indem man sich ändert oder ihm ausweicht, indem man einfach bei der nächsten Partnerwahl vorsichtiger ist. Da das Problem jedoch immer wieder auftaucht, wird unser Wunschzettel mit Eigenschaften unseres zukünftigen Partners immer länger.

Leicht können wir uns einreden, dass konventioneller Sex nichts damit zu tun hat, weil sich die Symptome anfangs selten im sexuellen Bereich manifestieren. Statt dessen erkennen wir eindeutige Fehler und Mängel in der Persönlichkeit unseres Partners oder auch in uns selbst, wie zum Beispiel Suchttendenzen, ewiges Nörgeln, Unsensibilität, unverantwortlich hoher Konsum, Paranoia, hohe Irritierbarkeit und eine unwiderstehliche Anziehung zu dritten Personen. Und so konzentrieren wir uns dann auf die Symptome und nicht auf die Ursache.

Faustregel für den Mann: Egal wie gut sie aussieht, irgend ein anderer hält es mit ihr keine Minute länger aus.

Ich persönlich kenne kein Paar, außer vielleicht in der Fernsehserie Eine himmlische Familie, das den Auswirkungen dieser Katastrophe wesentlich länger als die ersten sechs Monate ihrer verbindlichen Beziehung entkommen ist. Selbst die nach außen scheinbar glücklichste Beziehung weist beim näheren Hinschauen beträchtliche Schwachstellen auf. (Siehe Kapitel 6.) Es ist offensichtlich, dass hier etwas mehr als nur sporadisches Pech mit im Spiel ist. Denn sonst würde schon längst mindestens die Hälfte aller Paare glückselig auf Wolke sieben schweben und sich lieben. Aber das tun sie ja eben nicht.

Die Schrift an der Wand

Als ich die Ausmaße des Problems erfasst hatte, bemerkte ich, dass auch andere diesen Kater kennen, auch wenn sie ihn anders nennen. Der bekannte Partnerschaftstherapeut John Gray zum Beispiel (Männer sind anders. Frauen auch. Männer sind vom Mars. Frauen von der Venus.) sagt, dass Männer wie Gummibänder sind, bei denen Phasen von Geilheit und Entspannung mit Zeiten emotionaler Entfremdung von ihrer Partner abwechseln.

Ich bewundere ihn dafür, wie klar er die Symptome benennt. Ich habe eine Kassette von ihm gehört. Wenn ich mich recht entsinne, sagte er so etwas wie: "Männer, ihr müsst euch von euren Frauen nach Zeiten der Nähe fernhalten, sonst ziehen sie euch alle Energie ab. Frauen, wenn das passiert, weint euch bei anderen Frauen lange genug aus, bis eure Männer wieder bereit sind, für den liebevollen Kontakt mit euch Opfer zu bringen." Obwohl ich für seine Aufrichtigkeit dankbar bin, ist es meiner Ansicht nach keine sehr weise Annahme, das Gefühl, ein Opfer zu bringen, sich emotional zurückzuziehen oder einander Energie abzuziehen, für eine Partnerschaft als unschädlich einzustufen.

Vielleicht haben Sie auch Die Prophezeiungen von Celestine von James Redfield gelesen, in denen der Hauptperson eine Beziehung zu einer Frau verboten wird, da diese "vom Pfad ihrer jeweiligen individuellen Entwicklung abbringen und zu einem hoffnungslosen Machtkampf führen würde". Auch Autorinnen singen mittlerweise eine Lobeshymne auf die Trennung. In ihrem Buch Women, Passion & Celibacy (Frauen, Leidenschaft & Zölibat) listet Sally Cline unter anderem folgende Gründe auf, warum diverse Frauen sich für das Zölibat entschieden haben:

Das war es ein für allemal mit Männern ... keine sexuellen Beklemmungen mehr ... Ich wollte mein Leben vereinfachen ... Sex hat mich gelangweilt ... Ich hab das aus Trotz getan ... Ich brauche einen Gefährten, keinen Geliebten ... Ich brauchte mehr Zeit für mich selbst ... Meine Seele litt ....

Ohne es zu ahnen, sprechen alle diese Autoren von dem bewussten Kater, vor dem schon die alten Sexologen gewarnt haben. Natürlich hatte ich schon Liebhaber, die sich nach einer Zeit der Intimität in "ihre Höhle" zurückgezogen haben, wie John Gray es ausdrückt. Und ich habe mich selbst schon in bizarren Machtkämpfen mit dem geliebten Mann wieder gefunden, die mir nach einigen Wochen so sinnlos vorkamen. Aber ist Trennung, zeitweise oder ganz, wirklich die einzige Art des Umgangs damit?

Nicht, wenn man den alten Texten Glauben schenkt. Sie bestehen darauf, dass es einen Weg gibt, sich sexuell zu lieben, ohne danach unter einem Kater oder unter Entfremdung zu leiden. Sicher ist es nicht gerade das Leichteste der Welt, einen Menschen vom Verzicht auf konventionellen Orgasmus zu überzeugen, doch selbst als ich noch am Anfang stand, wusste ich, dass es nicht unmöglich ist. Immerhin hatte ich Bücher von Autoren gelesen, die es selbst lebten und empfahlen. Und ich hatte selbst die Vorteile erfahren dürfen, die eine Vermeidung des Orgasmus für meine Partner hat.

Doch wie das Leben so spielte, war die Aufgabe, meinen Geliebten davon zu überzeugen, auf eine Ejakulation beim Geschlechtsverkehr zu verzichten, nicht das einzige Hindernis zwischen mir und dem Ziel tiefer Vereinigung. Das Puzzle hatte noch mehr Teile.

Zusammenfassung

  • Das limbische System unseres Gehirns, auch als das primitive Hirn bekannt, ist so programmiert, dass es einen Schub aus neurochemischen Wirkstoffen produziert und uns so dazu bringt, auf die Jagd nach dem Orgasmus zu gehen, gleichgültig, welche Folgen das hat.
  • Der Orgasmus verursacht negative physiologische Veränderungen, die bis zu zwei Wochen anhalten können.
  • Ein Orgasmus kann zu einer Veränderung der Wahrnehmung führen, die unseren Partner weniger begehrenswert erscheinen lässt und Fluchtgedanken in uns wachruft.
  • Die alten Lehrer, die Texte über heilige Sexualität verfassten, warnen davor, dass der Orgasmus negative Konsequenzen hat, wie z.B. Gefühle von Ausgelaugtsein, Reizbarkeit, energetisches Ungleichgewicht, gesundheitliche Probleme und vor allem wachsende Abneigung dem eigenen Sexualpartner gegenüber. Sie schlagen Techniken vor, mit denen sich die Ejakulation vermeiden lässt.